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Rezension zum Buch

W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 Meine Meinung zu dem Buch:
von © 2008 Werner Popken

LG-Zaum steht für »Lehmenkühlers Glücksrad-Zaum«. Die Autorin hatte sich seit Jahren mit Zäumungen befaßt, war aber nicht ganz zufrieden. Mehr intuitiv als bewußt begriff sie herkömmliche Gebisse als problematisch und experimentierte mit den bekannten gebißlosen Zäumungen, die sie aber ebenfalls nicht recht befriedigen konnten. Entweder waren diese zu hart oder zu ungenau oder nicht direkt genug, daß man anspruchsvollen Dressuraufgaben damit hätte reiten können.
Dieses Unbehagen ist ja sattsam bekannt. Seit Tausenden von Jahren basteln die Menschen Gebisse, erst aus Stein, dann aus Metall, und ein Ende ist nicht abzusehen. Jedes Jahr kommen neue Gebisse auf den Markt, und sie werden auch gekauft, was ein deutliches Zeichen dafür ist, das die Gebisse kein Problem lösen, sondern es lediglich verlagern. Dasselbe trifft im Prinzip auf die gebißlosen Zäumungen zu. Auch hier gibt es inzwischen viele Lösungen, die aber allesamt nicht durchweg überzeugen können.
Abgesehen davon: Reiten ohne Gebiß gilt als dilettantisch, unprofessionell, wenn nicht gar sektiererisch. »Ernsthaftes« Reiten ist ohne Gebiß praktisch nicht denkbar, das scheint eine unumstößliche Gewißheit zu sein. Selbst ein Meister wie Nuno Oliveira, auf den die Autorin sich vielfach beruft, lehnt die Anwendung von Gebissen lediglich für junge Pferde ab. Im Turniersport ist Reiten ohne Gebiß in den meisten Fällen ausgeschlossen. Zwar findet bei Versicherungen inzwischen ein Umdenken statt und der Versicherungsschutz bleibt auch im Gelände ohne Gebiß erhalten - weil sich auch bei Gerichten und Gutachtern herumgesprochen hat, daß ein durchgehendes Pferd auch mit den schrecklichsten Gebissen nicht gehalten werden kann -, aber das ändert nichts am schlechten Ruf der Neuerer, die Gebisse abschaffen wollen.
Üblicherweise beugt man sich den Ergebnissen der Wissenschaft, aber in dieser Angelegenheit will man nichts davon wissen. Die Arbeiten von Prof. Cook werden geflissentlich ignoriert. Daß Cook sich mit Frau Straßer zusammengetan hat, befördert die Sache nicht gerade, da diese ebenfalls sehr umstritten ist (siehe Rezension Straßer, Hiltrud / Cook, Robert: Eisen im Pferdemaul). Das ist sehr schade, denn noch mehr als beim Beschlag liegt für jeden denkenden Menschen auf der Hand, daß das Eisen im Pferdemaul ein Gewaltinstrument ist, das Schmerzen bereiten kann und soll. Da Pferde nur über sehr eingeschränkte Möglichkeiten verfügen, Schmerzempfindungen zu artikulieren, können unempfindliche Menschen sich leicht in der Überzeugung wiegen, daß Gebisse den Pferden nicht nur nicht wehtun, sondern daß diese Gebisse sogar mögen und glücklich darauf herumkauen. Mit diesem Mythos räumt Cook auf, wie Lehmenkühler betont:
Das gemeinhin als Zeichen von Zufriedenheit interpretierte Kauen des Pferdes auf seiner Trense, das mit mehr oder weniger Speichelfluß einhergeht, ist Cook zufolge lediglich der Versuch des Pferdes, sich durch Kauen, Zungenbewegungen und Speicheln eines unangenehmen Fremdkörpers zu entledigen. Während der durch das Gebiß ausgelöste Speichelfluß normalerweise dazu dient, das im Maul befindliche Futter gut einzuspeicheln und besser verdaulich zu machen, sind die Zungen- und Kiefernbewegungen die Folge von durch Schmerzreize ausgelöste Reflexen.
a.a.O., Seite 65